Kai-Uwe Bergmann, Partner at BIG – Bjarke Ingels Group, © Flemming Leitorp

Soziale und urbane Qualitäten schaffen

Ein Gespräch mit Kai-Uwe Bergmann, Partner bei BIG – Bjarke Ingels Group, über die sich verändernden urbanen Lebensweisen in Kopenhagen und über die Visionen des Büros auf internationaler Ebene.

Kai-Uwe Bergmann, wie hat sich das Leben in den Städten verändert, vor allem in Dänemark, wo BIG seine Wurzeln hat? Wollen die Menschen heute andere Orte als noch vor ein paar Jahrzehnten? Verbringen sie ihre Zeit anders, gehen sie anders miteinander in Kontakt?
Eines unserer ersten Projekte, die VM Houses, hat mit Sicherheit die seinerzeit gültigen Vorstellungen dessen in Frage gestellt, was im Wohnungsbau akzeptabel war und was nicht. In dem – mit einem relativ begrenzten Budget realisierten – Projekt wurden keine Trennwände im Gebäudeinneren verwandt. Deren Funktion wurde von Elementen wie der Küche oder dem vorgefertigten Badezimmer übernommen. Es kamen Materialien zum Einsatz, die man normalerweise nicht im Wohnungsbau findet. Flure und Treppenhäuser sind nach außen offen – trotz des skandinavischen Klimas. Alle 250 Wohneinheiten der VM Houses waren innerhalb von drei Wochen verkauft. Hier bestand also definitiv eine Nachfrage, für die es bislang kein passendes Angebot auf dem Markt gegeben hatte. Andere Projekte wie das 8 House zeigen, dass man eine Anlage mit fast 500 Wohneinheiten ohne einen einzigen Autostellplatz bauen kann. Die Menschen sind an neuen Möglichkeiten der Fortbewegung interessiert – sie nutzen Carsharing, die Angebote des öffentlichen Nahverkehrs oder aber geben dem Fahrrad den Vorzug vor anderen Verkehrsmitteln. Unsere Projekte versuchen, neuen städtischen Strukturen Raum zu geben, in denen unsere Generation zeitgemäß leben, arbeiten und ihre Freizeit verbringen kann.

Wenn es um Visionen für die lebenswerte Stadt von morgen geht, gilt Kopenhagen als eine der exponiertesten Städte Europas. Inwieweit helfen Ihnen die hier gemachten Erfahrungen im internationalen Kontext, wie beispielsweise in den USA, wo Sie ja sehr engagiert sind?

Kopenhagen hat sich in den letzten zehn Jahren seit Gründung von BIG sehr verändert. Die vielleicht auffälligste Transformation betrifft die vormals industriell genutzte Wasserfront, die jetzt den Menschen zurückgegeben wurde – für kulturelle oder für Wohnzwecke. Dieser Wandel hat eine gewisse Großzügigkeit als Wert zurück in den öffentlichen Raum gebracht, die sich beispielsweise auch in unserem allerersten Projekt, dem Kopenhagener Harbour Bath, zeigt. In Nordamerika findet dieser Wert seine Entsprechung in einem Projekt wie dem BIG U, ein Neuentwurf von 10 Meilen Küstenlinie um Manhattan, die bislang hauptsächlich Transportbedürfnissen und industrieller Nutzung vorbehalten waren. Mit BIG U wird stattdessen eine öffentlich zugängliche soziale Infrastruktur entstehen, die zum einen die Stadt gegen schwankende Meeresspiegel schützen und gleichzeitig ein neues städtisches Erholungsgebiet für ganz Manhattan sein wird.

Ein gemeinsames Element all Ihrer Projekte scheint zu sein, dass diese nicht nur als Gebäude, sondern als Räume für urbane Interaktion gedacht werden. Würden Sie dem zustimmen? Wie wichtig ist Ihnen interdisziplinäre Zusammenarbeit?
Architektur ist ein Mittel zum Erreichen eines Ziels: die größtmögliche Entfaltung des menschlichen Lebens zu ermöglichen. Da wir für sehr unterschiedliche Nutzungsformen entwerfen – Bibliotheken, Krankenhäuser, Schulen, Museen, Wohnungen, Parkplätze usw. –, müssen wir mit einer Vielzahl von Menschen aus anderen Bereichen und Berufen zusammenarbeiten. Für uns ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit keine Frage der politischen Korrektheit, sondern vielmehr eine Frage, wie wir Zugang erhalten können zum richtigen Wissen, um die jeweilige Frage richtig zu beantworten.

Was bedeutet das zum Beispiel für die Architektur im Wohnungsbau? Wie flexibel kann diese sein, um die von Ihnen genannte Entfaltung zu ermöglichen?
Bei unseren Wohnungsbauprojekten geht es nicht um ein besonderes Material oder bestimmtes Detail, sondern darum, soziale und urbane Qualitäten zu schaffen, die unabhängig sind von den individuellen Entscheidungen der Bewohner. Sie lassen Raum für die Inbesitznahme durch die Bewohner, die Bäume auf ihren Terrassen pflanzen können und die Gebäude in ihrem Sinne bewohnen können, ohne dass sie damit den architektonischen Charakter des Entwurf verletzen würden. Vielmehr wird dieser so bereichert. Ich glaube, dass die Wirkung der Menschen auf ihre Stadt durch die Art, in der sie diese interpretieren, genauso wichtig, wenn nicht wichtiger ist als die Grenzen und Möglichkeiten, die aus den Entscheidungen von uns Architekten entstehen.
Profil
Kai-Uwe Bergmann ist Partner bei BIG – Bjarke Ingels Group, eines in Kopenhagen und New York ansässigen Teams von Architekten, Designern, Ingenieuren und Denkern in den Bereichen Architektur, Stadtplanung, Forschung und Entwicklung. Mit dem Ansatz einer „pragmatisch utopischen Architektur, die sowohl den versteinernden Pragmatismus langweiliger Boxen als auch die Naivität der Ideen des digitalen Formalismus meidet“, ist BIG innerhalb kurzer Zeit zu einem der weltweit renommiertesten Architekturbüros geworden. Bergmann hatte bereits verschiedene Lehraufträge, ist Mitglied zahlreicher internationaler Jurys und referiert weltweit zu den Arbeiten von BIG.
www.big.dk

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